Die zweite Umkehr kann als eine tiefere und umfassendere Form der Bekehrung verstanden werden, die oft mit der Wiedergeburt im Heiligen Geist verbunden ist. Während die erste Umkehr den initialen Schritt der Hinwendung zu Gott und die Anerkennung seiner Herrschaft darstellt, geht die zweite Umkehr tiefer und umfasst eine vollständige Hingabe und Transformation des Herzens.
Die Wiedergeburt im Heiligen Geist ist ein zentraler Aspekt des christlichen Glaubens, bei dem der Gläubige durch den Heiligen Geist erneuert und in eine neue Beziehung zu Gott gebracht wird. Diese Erfahrung kann als Teil der zweiten Umkehr gesehen werden, da sie eine radikale Veränderung und eine neue Lebensweise mit sich bringt, die von der tiefen Verbundenheit mit Gott geprägt ist.
In der zweiten Umkehr geht es darum, dass der Gläubige nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich vollständig Gott zugewandt ist und sein Leben nach Gottes Willen ausrichtet. Diese tiefe Hingabe und Transformation des Herzens ist das, was die Heilige Schrift und die geistlichen Lehrer als die wahre Umkehr und Wiedergeburt im Heiligen Geist beschreiben.
Pater Buob ist ein deutscher Ordenspriester und Exerzitienmeister. Er gehört der Ordensgemeinschaft der Pallottiner an.
Wir haben uns letztes Mal Gedanken gemacht über diesen ersten Umkehrschritt auf dem Weg der Nachfolge Christi. Heute möchte ich mit Ihnen weitergehen: Was ist die Erfahrung der Lehrer des geistlichen Lebens auf diesem Weg? Sie sprechen von einer sogenannten zweiten Bekehrung, einem zweiten Umkehrschritt. Diese Umkehr, die sogenannte zweite Umkehr, entspricht dem, was die Heilige Schrift unter Umkehr versteht. Die erste Umkehr ist gleichsam ein erster Schritt, eine Vorbereitung. Die zweite Umkehr ist das, was Jesus meint mit der Umkehr, was die ganze Schrift damit meint. Es ist also die Zuwendung zu Gott aus ganzem Herzen, ganzer Seele und aus allen Kräften. Diese Umkehr greift so tief, dass daraus eine Verbundenheit mit Gott wächst, die nicht mehr ohne weiteres aufgegeben werden kann.
Professor Schürmann hat immer gesagt, das ist die Priorität des Seelsorgers: die Menschen zu dieser zweiten Umkehr zu führen. Denn das sind die Menschen, die morgen Zeugnis geben von Christus, die morgen diejenigen sind, die Christus verkünden und weitergeben in die nächste Generation. Denn es ist eine Umkehr aus ganzem Herzen, also eine Umkehr, bei der man kaum mehr einfach zurückfallen kann in die Gottvergessenheit. Die zweite Umkehr ist also eine Ganzhingabe, wie eine gänzliche Ergebung, so sagt Professor Schürmann. Es ist, kann man sagen, diese zweite Umkehr der Zustand der endgültigen Bekehrung, wo also ein Rückfall in die Trennung von Gott, also Todsünde, praktisch nicht mehr vorkommt. Es ist die Situation der unbedingten und rückhaltlosen Übergabe an Gott, mit der die Heiligkeit, zu der wir berufen sind, beginnt.
Im Hebräerbrief 6, 4-6 lesen wir folgendes: Es ist nämlich unmöglich, solche, die einmal erleuchtet worden sind, also von Gott her, und die himmlische Gabe verkostet haben, nämlich des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind, also als Erfahrung, und das herrliche Wort Gottes sowie die Kräfte der zukünftigen Welt verkostet haben und dann dennoch abgefallen sind, es ist unmöglich, sie wiederum zu neuer Umkehr zu bringen, da sie den Sohn Gottes für ihre Person abermals kreuzigen und zum öffentlichen Gespött machen. Also, der Hebräerbrief sagt, diese Umkehr geht so tief, dass wenn einer davon abfällt, dann kann er es nur tun, indem er sich ganz bewusst gegen Gott stellt. Es gibt leider solche Menschen, das nennen wir dann auch Sünde gegen den Heiligen Geist, also bewusst gegen die tiefere Erkenntnis und Erfahrung handeln.
Es ist interessant, ich hatte einen alten Vetter, das war ein Original in unserem Dorf, und der war als junger Handwerker gottlos geworden, kann man sagen. Er ist dann in der Welt herumgereist, in Hamburg oben gewesen, und hat dann immer wieder mal gearbeitet und dann wieder gewandert, wie es halt früher war. Dann hat er mir erzählt, er sei mal in irgendeine katholische Kirche hineingeraten, wollte sie halt mal angucken, und plötzlich war er betroffen von Gott. Da hat er mir gesagt: „Wenn man einmal Gott so erfahren hat wie ich, dann kann man unmöglich mehr ungläubig werden.“ Ich habe das als Bub noch nicht verstanden, aber mir ist das später bewusst geworden: Genau das ist es. Es ist eine solche Betroffenheit, eine solche Tiefe, dass man das nicht mehr leugnen kann, was man erfahren hat. Also, diese Umkehr ist nicht mehr einfach nur Sache des Verstandes und Willens wie bei der ersten Umkehr. Ich habe Gott erkannt in seiner Schöpfung oder in bestimmten Situationen und ich will jetzt ihm auch folgen, will mich an ihn halten. Diese Umkehr ist nicht mehr nur Sache des Verstandes und Willens, sondern diese Umkehr ist ein reines, freies Gnadengeschenk Gottes. Hier offenbart sich Gott den Menschen. Der Herr steht also gleichsam, wie es in der geheimen Offenbarung heißt, vor der Tür und klopft an. Wichtig ist: das Schloss liegt auf meiner Seite, ich muss öffnen. Er bricht nicht ein, wir müssen ihm erlauben einzutreten, damit er mit uns Mahl halten kann. Also, wir müssen ihn gleichsam in unsere innere Wohnung hereinlassen.
Vielleicht darf ich da etwas Lustiges sagen, aber sehr Ernstes, um das zu verstehen, um was es geht. Wenn Sie einmal Ihr Leben als ein Haus betrachten: Sie haben da ein Besuchszimmer in diesem Haus und Sie laden Jesus ins Besuchszimmer ein. Das ist diese erste Umkehr. Ja, ich lade Jesus ein in mein Besuchszimmer, ich selber aber throne im Hauptzimmer und alle anderen Räume gehören mir. Das Besuchszimmer gehört meinem Besuch, nämlich Christus. Dann werde ich erleben, dass dieser Christus keine Ruhe gibt. Also, er versucht dann vielleicht, jetzt mal bildhaft, bei mir anzuklopfen, kommt also in meinen Thronsaal, wo ich residiere, und ich sage: „Ja, was ist? Was gefällt dir nicht mehr im Besuchszimmer? Was willst du denn bei mir?“ „Ja, ich wollte bloß mal schauen, was du da alles hast und tust.“ „Na ja, gut, man hat ja Anstand und lässt ihn also rein.“ Er besichtigt, schaut so rum: „Fernseher, - ja, wie viele Stunden hockst du da davor?“ „Ja, wie so ein normaler Durchschnittsbürger in Deutschland.“ Da sagt er: „Gib doch mir diese Zeit und ich besorge dir dann die Unterhaltung.“ „Liebe Leute, das wird Unterhaltung sein.“ Man gibt vielleicht nach und sagt: „Gut, Du kannst den Kasten haben.“
Dann sieht er vielleicht sonst noch einige Dinge: „Was ist denn das da?“ „Ja, das ist mein Hobby, ich muss mich ja fit halten fürs Reich Gottes.“
Wir haben ja für alles Ausreden, das wissen Sie auch. „Gib mir mal das Zeug da und nimm die Zeit für mich, ich trainiere dann mit dir.“ „Oh Hilfe, das wird wieder was geben.“ Das heißt also, er räumt langsam mein Wohnzimmer aus und nimmt alles an sich. Und ja, ich lasse es los. Und auf einmal sagt er: „Was ist denn das für eine Tür?“ „Ja, die geht in die Küche, ich muss ja leben.“ „Ja, und was hast du denn da drin?“ Er schaut den Kühlschrank, dieser steckt voll: „Ja, es ist ja Wochenende, ich muss ja für Sonntag auch was haben.“ Dann sagt Jesus - vielleicht wieder so im Bild gesprochen: „Gib mir das für die Armen, ich schau dann, dass du auch das Deine kriegst.“ „Oh liebe Leute, also ist das auch weg.“
Dann hat er sonst noch einiges entdeckt und auf einmal sieht er eine Tür nach unten, also in den Keller. „Was ist denn da unten?“ „Ja, das ist der Keller.“ „Ja, was hast du denn da unten?“ „Da kommt niemand rein, das ist mein Privatbereich.“ „Könnte ich nicht wenigstens besichtigen?“ „Na ja, gut, besichtigen kannst Du.“ Also kommt er da runter und was steht in meinem Keller? Wissen Sie, was in Ihrem Keller steht? Eine Schatztruhe mit Schlössern, vollkommen abgesichert. Und was haben wir darin? Der Herr sagt: „Was hast du denn da drin?“ „Das geht niemanden etwas an, das ist für mich wichtig.“ „Ja, was hast du denn da drin? Lass doch mal sehen.“ Was haben wir drin? Da haben wir alle unsere schlechten Lebenserfahrungen gehortet, alles, was schiefgegangen ist, alle schlechten Erfahrungen. Denn ich brauche all diese Dinge, wenn ich einmal vor Gott hintrete zum Gericht, als Ausrede.
„Ja, ich kann nichts dafür, dass ich das falsch gemacht habe, du hast mich so geschaffen. Ich kann nichts dafür, dass das damals schiefging, das waren diese oder jene Leute.“ Ich brauche also eine Ausrede für mich. Schauen Sie mal in Ihre eigene Schatztruhe hinein: Was haben Sie alles in Ihrem Keller versteckt, wo Sie eigentlich alle schlechten Erfahrungen aufbewahren, um sich immer rauszureden, warum Sie so sind, wie Sie sind, um sich nicht bekehren zu müssen, um sich nicht verändern zu müssen. Stimmt's nicht?
Und Jesus sagt: „Gib mir die Schatztruhe.“ Und dann kommt die ganze himmlische Spedition und holt mir die Schatztruhe ab. „Überlass mir alles, gib dich mir, ich werde für dich eintreten. Du brauchst keine Ausreden mehr.“
Das alles macht uns nieder, macht uns unfrei, fesselt uns. Wenn wir alles dem Herrn geben können, auch unsere negativen Erfahrungen, unser Versagen – „Alles, Herr, gehört dir, mach, was du willst“ – dann werden wir frei. Wir brauchen nichts aufbewahren, um uns vor Gott herauszureden. So räumt dann der Herr langsam - das haben Sie vielleicht schon bei sich gemerkt - Ihr ganzes Lebenshaus aus, bis alles wirklich ihm gehört und ich frei bin von all diesen Dingen, an denen ich so festgehalten habe und mein Glück versucht habe.
Sie werden merken, die Ursache all Ihrer Ängste, die Ursache all Ihrer Sorgen sind die Dinge, an die Sie sich hängen, an die Sie gefesselt sind, die Sie nicht loslassen können. Das sind die Ursachen Ihrer Ängste und Sorgen. Umkehr heißt, ich gebe alles dem Herrn und bin endlich frei. Und das werden Sie erfahren, das werden Sie erfahren. Das ist vielleicht ein Bild, das Ihnen ein bisschen hilft.
Die Heilige Schrift drückt ja diese Gnadenhaftigkeit sehr klar aus: „Verkennst du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut und merkst nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr führen will?“ (Römer 2,4). Denn es ist reine Gnade, diese zweite Umkehr, es ist reines Geschenk Gottes. Aber ich muss es annehmen, ich muss mir die Dinge aus der Hand nehmen lassen von Gott und sie ihm überlassen, um frei zu sein. Er nimmt mir nichts, damit ich arm werde, sondern er nimmt mir, damit ich reich werde, nämlich Freiheit bekomme von ihm, und all das, was ich brauche.
Diese zweite Umkehr nennen die Väter auch Umkehr des Herzens. Herz ist die innerste Mitte der Person, sagt Guardini, die innerste Mitte der Person. Da sprechen wir auch vom Herzen Gottes, der ja keinen Leib hat.
Umkehr des Herzens ist die Umkehr der innersten Mitte. Alles gehört nun Gott, wendet sich Gott zu, weg von mir, vom „Ich bin das Maß der Dinge“ hin zu „Gott ist das Maß aller Dinge“. Also, die Heilige Schrift verlegt nun diese Umkehr in das Herz. Von der Schrift her müsste man sagen, es ist die Tiefe der Menschenseele, in der diese Umkehr gnadenhaft geschieht. Sehr deutlich drückt das der Prophet Joel aus: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn, eurem Gott“ (Joel 2,12-13). Die Kleider sind oberflächlich, die sind an der Oberfläche, die brauchen wir nicht zerreißen, sondern die Herzen, das Innerste sollen wir Gott zuwenden.
Nach der Überzeugung der Heiligen Schrift durchschaut nur Gott das Herz des Menschen. Kein Mensch kann sein eigenes Herz durchschauen. Wie viel ist in unserem Innern, wo wir nicht verstehen, wie häufig reagieren wir aus unserem Innern, wo wir uns selber nicht verstehen? Gott allein kennt das Herz. Nach ihm durchschaut nur Gott das Herz des Menschen. Das heißt bei Daniel 2,22: „Er ist der, der das Tiefe und Verborgene offenbart, der auch erkennt, was im Dunkel ist, denn bei ihm wohnt das Licht.“ Oder im ersten Korintherbrief, Kapitel 2, Vers 10 ff. schreibt Paulus: „Uns hat es Gott offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alles, sogar die Tiefen Gottes. Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir erkennen, was uns von Gott in Gnaden verliehen ward. Und davon reden wir auch in Worten, die wir vom Geist lernten.“
Für den Menschen allerdings ist das Herz, wenn wir es auch von der Psychologie her wissen, ein Abgrund. Das scheint ein Hinweis darauf zu sein, was die moderne Psychologie das Unterbewusste nennt. Diesen inneren Zustand unseres Herzens können wir nicht unmittelbar erkennen. Und genau in dieser Tiefe geschieht die Umkehr des Herzens. Hier vollzieht sich die entscheidende Umkehr in dieser unbewussten Tiefe des Herzens, wie es auch Ezechiel sagt, dass der Herr allein das Herz des Menschen erforscht. Diese Umkehr ist die des ganzen Herzens. Nur wer diese Umkehr des Herzens verwirklicht hat, liebt Gott aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele und sucht Gott mehr als sich selbst. Glauben heißt ja im Lateinischen „credere“, und „credere“ kommt von „cordare“ - das Herz geben.
Glaube ist, ich gebe mein Innerstes der Person Gottes, ich verwurzle mich total in der Person Gottes. Das ist etwas Gnadenhaftes, eine wirkliche Erfahrung des Menschen, die er nicht selber machen kann. Deshalb sagt auch Jesus bei Markus 7,18, dass aus dem Herzen die bösen Gedanken kommen: Neid, Hass und Unzucht. Das verunreinigt den Menschen, nicht was in ihn hineinkommt, sondern was aus ihm herauskommt, nämlich aus dem Herzen. So erkennt man aus dem, was aus dem Herzen kommt, an den Früchten, wen man eigentlich vor sich hat.
Sie können also sehr wohl spüren, ob das Herz mittut oder nicht. Lieben aus ganzem Herzen, also der Wille ist da, aber das Herz macht vielleicht noch nicht mit. Sie können ja mal einige Dinge überlegen, die Sie nicht verstanden haben in Ihrem Leben oder auch Ereignisse in der Welt, wo Sie gesagt haben: „Gott, wie kannst du das zulassen?“ Wie hat mein Herz reagiert? Hat es sich aufgebäumt gegen Gott, weil es unverständlich ist? „Warum mutest du mir das zu?“ Oder konnte ich ganz tief im Herzen glauben: „Gott ist die Liebe und er macht keine Fehler und er hat auch mit diesem Unheil etwas ganz Wichtiges vor.“ Konnte ich das ganz tief innerlich so wahrnehmen? Das wäre ein Zeichen der Umkehr des Herzens, dass ganz tief innen alles auf Gott hin gelenkt ist und wirklich Glauben zum Sehen wird. Ich durchschaue etwas, das der Glaubende mehr erkennt als der Ungläubige. Der Ungläubige erkennt oft nur Schicksale, unverständliche Dinge, die er nicht einordnen kann. Der Glaubende durchschaut und kann ganz tief im Herzen ohne Zweifel überzeugt glauben, dass Gott am Werk ist und dass nichts geschieht, was Gott nicht wieder gebraucht zum Heil des Menschen, auch wenn es manchmal genau umgekehrt aussieht.
Ich rate Ihnen einmal im alten Gotteslob in der Nummer 5, da gab es fünf Gebete dieser Hingabe. Lesen Sie mal, nicht beten, lesen Sie es mal einfach, das von Ignatius zum Beispiel oder von Newman oder auch das von Charles de Foucauld. Einfach mal lesen und auf das Herz hören: Macht es mit? Sagt es „Ja, das will ich sagen“ oder wehrt es sich? Da merken Sie, ob der Durchbruch in dieses Herz, in diese Tiefe sich schon ereignet hat.
Also, diese Umkehr des Herzens ist der entscheidende Schritt im Leben des Christen. Zu dieser Umkehr des Herzens sollte jeder kommen, aber es beginnt mit einem Weg, die erste Umkehr, der erste Umkehrweg, wie ich Ihnen gezeigt habe, um dann zu diesem Augenblick zu kommen, wo ich sage: „Gott, ohne dich kann ich nicht mehr leben.“ Und ohne diese tiefe Umkehr des Herzens, ohne diese ganz Hingabe, wie es Theresia von Avila ausdrückt, ist eine spezifische Berufung nicht lebbar. Sei es die Form der christlichen Ehelosigkeit oder der christlichen Ehe. Alle sollten sich fragen, ob sie nun als Priester, Ordensleute oder verheiratete Christen leben, ob diese tiefe Umkehr des Herzens erfolgt ist.
Vielleicht möchte ich fliehen, weil ich noch nicht wirklich ein Jünger Jesu bin und mein Herz sich noch nicht gewandelt hat. Es ist von entscheidender Bedeutung, sich darüber im Klaren zu sein: Ohne die bewusste Entscheidung und die persönliche Erfahrung mit Gott ist es schwierig, eine Lebensform der Jungfräulichkeit aus Liebe zu Gott zu leben. Ebenso ist es herausfordernd, eine Ehe im christlichen Sinne zu führen und dabei die Liebe Gottes und Jesu zur Kirche darzustellen. Dass der Mann die Frau liebt, wie Christus die Kirche liebt, dass er sich für sie kreuzigen ließ, und die Frau den Mann liebt, wie die Kirche Christus liebt. Wie soll das möglich sein ohne diese Umkehr des Herzens?
Es ist notwendig, die Ursachen dort zu suchen, wo sie tatsächlich liegen. Es sollte die Frage gestellt werden: Was sind die Gründe dafür, dass ich die Ehelosigkeit nicht länger aufrechterhalten kann? Was sind die Beweggründe dafür, dass ich meine Ehe nicht mehr fortsetzen kann? Wo ist die Ursache? Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Menschen, wenn auch nicht alle, diesen Punkt der zweiten Umkehr – der Umkehr des Herzens – und der vollständigen Hingabe an den Herrn sowie der damit verbundenen Erfahrung mit dem lebendigen Gott noch nicht erreicht hat. Das ist ein großes Problem, und das wäre eigentlich die richtige Vorbereitung für das Ordensleben, für Priestertum und für christliche Ehe: die gleiche Vorbereitung, Hinführung zu dieser ganzen Hingabe an Christus. Dann kann ich die Tiefe dieser Berufungen leben, nur dann.
Das ist, wie gesagt, der entscheidende Schritt. Sehr interessant, bei der Bischofssynode 1980 in Rom, wo es um Ehe und Familie ging, heißt es in einem Text: „Diesen Heilsplan Gottes für Ehe und Familie können nur Menschen erfassen, annehmen und leben, die eine radikale Herzensbekehrung erfahren haben.“ Das kann man nicht machen, das muss man erfahren haben. Nur Menschen, die eine tiefgreifende Herzensbekehrung erlebt haben, können Gottes Heilsplan für Ehe und Familie verstehen und leben.
Das ist die höchste Heimkehr zu Gott, wobei das alte Selbst einem neuen Platz macht. Und es heißt dann noch dort: „Bekehrung und Heiligkeit wird von allen verlangt, von allen verlangt, ob Priester oder Getaufte, Gefirmte, das spielt keine Rolle. Bekehrung und Heiligkeit wird von allen verlangt. Wir alle müssen zur Erkenntnis des Herrn und seiner Liebe und zur Erfahrung seiner Gegenwart in unserem Leben kommen.“ Wir müssen zu dieser Erfahrung kommen. Das heißt, wir können sie nicht machen, aber wir müssen das Unsere tun, damit Gott uns begegnen kann, uns zu dieser Erfahrung führen kann. Und ohne diese radikale Herzensbekehrung ist, wie diese Bischofssynode sagt, dieses große Geheimnis christlicher Ehe oder Ehelosigkeit gar nicht zu leben.
Und das ist wiederum das, was ich vorhin gesagt habe: Wir müssen auf die Ursachen kommen. Wir müssen überlegen, und das ist ja auch der ganze Fragebogen des Papstes an die ganze Weltkirche im Blick auf Ehe und Familie: Was wird in den einzelnen Pfarreien, was wird in den einzelnen Diözesen getan, damit die Eheleute richtig vorbereitet sind für die Ehe? Das waren ganz schöne Fragen, aber in Deutschland haben wir ja wieder alles abgewendet, so in Richtung, was die Leute von Ehe und Familie halten und Sexualität. Man hat also nicht gefragt: Was ist der Wille Gottes und was fehlt uns? Warum kommen in Deutschland Jung und Alt zu solchen Auffassungen, die ganz gegen die Lehre der Kirche und gegen den Willen der Schrift, also gegen den Willen Gottes, stehen? Wie kommt das? Das ist doch die entscheidende Frage.
Es kommt dadurch, dass das nie gelehrt wurde, dass die Menschen nicht mehr hingeführt wurden zu dieser wirklichen Entscheidung für Christus, um diese Berufung leben zu können, um das alles verstehen zu können. Das ist die Ursache, und darauf muss man eingehen. Das ist die Frage:
Wie werden unsere Eheleute vorbereitet? Wie werden unsere Ordensleute vorbereitet? Wie werden unsere Priester vorbereitet? Werden die hingeführt zu dieser Entscheidung für Christus, zu diesen Schritten der Umkehr und der Umkehrwege, damit sie diese Berufung überhaupt leben können?
Gebet der Hingabe von Charles de Foucauld
„Mein Vater, ich überlasse mich dir. Mach mit mir, was dir gefällt. Was du auch mit mir tun magst, ich danke dir. Zu allem bin ich bereit, alles nehme ich an, wenn nur dein Wille sich an mir erfüllt und an allen deinen Geschöpfen. So ersehne ich weiter nichts, mein Gott. In deine Hände lege ich meine Seele, ich gebe sie dir mit der ganzen Liebe meines Herzens, weil ich dich liebe und weil diese Liebe mich treibt, mich dir hinzugeben, mich in deine Hände zu legen, ohne Maß, mit einem grenzenlosen Vertrauen, denn du bist mein Vater.“
Gebet der Hingabe von Ignatius von Loyola
„Nimm, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, alles, was ich habe und besitze. Du hast es mir gegeben, dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist dein, verfüge nach deinem ganzen Willen. Gib mir nur deine Liebe und deine Gnade, denn die sind mir genug.“
Gebet der Hingabe von John Henry Newman
„Ich bin dein, und du bist mein. Ich überlasse mich dir, mein Gott. Ich gebe dir mein Herz, meine Seele, meinen Verstand und meinen Willen. Ich vertraue dir, mein Gott, und ich weiß, dass du mich führen wirst. Dein Wille geschehe in meinem Leben, und ich werde dir folgen, wohin du mich führst.“
Seit Februar 2021 bin ich Pfarrer in der Pfarrei Hergiswil am See, Nidwalden (NW).
Stephan Schonhardt, Dorfplatz 15, CH-6052 Hergiswil am See
Sekretariat: +41 (0) 41 632 42 22
Direkt: +41 (0) 41 632 42 25
Deutschland: Stephan Schonhardt, Postfach 1101, D-79803 Dogern
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